Tokyo

Ich verbringe gerne Zeit in Tokyo. Ohne konkretes Ziel die Nachmittage verstreichen lassen wird dort niemals langweilig. Die brutale Urbanität wirkt erfrischend und nervt erstaunlich selten, vielleicht auch, weil man sich nicht so sehr bemüht, sie zu verschleiern.

Convenience stores bilden alle paar Meter freundliche Bastionen der Zivilisation im Dickicht der Stadt. Sie versorgen einen nicht mit dem Notwendigen, sondern mit den Dingen, die man braucht. Dass gekühlter Chūhai (Alkopops in Dosen) für einen Mitteleuropäer schon zur Chiffre der Freiheit und Selbstbestimmung taugt, ist zwar traurig, nach den ersten Schlücken aber auch einerlei. Noch ein wenig Kaarage und Edamame einpacken und den nächsten Park aufsuchen. Essen und Trinken im Gehen wäre grob fahrlässig und Freiheit ensteht auch hier erst durch Anpassung.

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Wie ich an Margaret Thatchers Achselhöhle roch – oder die Perversitäten des Bahnstreiks

Als ich noch in Nordhorn wohnte, waren mir Bahnstreiks herzlich egal. Wenn ich von einem Ende der Stadt zum anderen wollte, habe ich mich für eine halbe Stunde aufs Fahrrad gesetzt und die Angelegenheit war erledigt. Seitdem ich in Berlin wohne, bin ich von den Streiks betroffen. Wenn die S-Bahnen nicht fahren, herrschen in der U-Bahn Tokioter Verhältnisse.  Die tägliche Fahrt mit der U7 zur Uni lässt die Duisburger Loveparade wie brandenburgische Einöde wirken. Weiterlesen

Ein amerikanisches Idyll

 

Es gibt ein unter Freunden Amerikas gern zitiertes Gedicht von Goethe, das im Kern alles erfasst, was amerikanische Literatur so lebendig und universell zugänglich macht:

 

Amerika, du hast es besser

Als unser Kontinent, der alte,

Hast keine verfallenen Schlösser,

Und keine Basalte.

Dich stört nicht im Innern,

Zu lebendiger Zeit,

Unnützes Erinnern

Und vergeblicher Streit.

Benutzt die Gegenwart mit Glück!

Und wenn nun eure Kinder dichten,

Bewahre sie ein gut Geschick

Vor Ritter-, Räuber- und Gespenstergeschichten.

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Barbarei und Biedermeier

Als Joachim Gauck vorletzten Sonntag davon sprach, dass Deutschland seine außenpolitische Zurückhaltung zu Gunsten einer größeren Wahrnehmung von Verantwortung ablegen sollte und „den Einsatz militärischer Mittel als letztes Mittel nicht von vornherein zu verwerfen“, um Verbrecher und Despoten zu stoppen, verglich Pazifisten-Peter Lustig Jürgen Todenhöfer ihn mit einem Dschihadisten, während der ewige Kolumnist Jakob Augstein assistierte, dass sich mit der Verteidigung der Menschenrechte als säkulare Religion des Westens beinahe alles rechtfertigen ließe.

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Wie ich lernte, TTIP zu lieben.

Eine der vielen Wahrheiten, die ich von einer Leipziger Montagsdemo mitgenommen habe: Die NATO führt Krieg gegen Russland, weil Putin den Gen-Mais von Monsanto in Russland verboten hat. Grandios, wusste ich nicht! Da werden also Luftwaffen, Flotten und dutzende Panzerdivisionen aufgefahren, nur um die Absatzmärkte eines
11-Milliarden-Dollar-Unternehmens zu sichern. Sollte im Kreml jemandem die Akkulaufzeit des iPhone 6 nicht passen, gibt es einen Atomkrieg.
Nirgendwo schmeckt ein Big Mac so gut wie auf einer Montagsdemo.
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